Der Preis der Wiedervereinigung: Lehren aus Deutschland für ein geteiltes Korea
Soziales Vertrauen bleibt das unverzichtbare Fundament langfristiger nationaler Resilienz
Deutschlands Erfahrungen mit der Wiedervereinigung bieten der koreanischen Halbinsel ernüchternde, aber wertvolle Lektionen. Bei einem Roundtable der Korea Times in Seoul betonten die Teilnehmer am 5. März 2026, dass sorgfältige Vorbereitung, anhaltende Dialogbereitschaft und die Bereitschaft, langfristige Kosten zu tragen, unerlässlich sind.
Georg Schmidt, der deutsche Botschafter in Südkorea, und Kim Hyo-joon, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der BMW Group Korea und aktueller ADeKo-Vorsitzender, wiesen darauf hin, dass sich die politischen Umstände der deutschen Wiedervereinigung von 1990 zwar deutlich von der heutigen Lage auf der koreanischen Halbinsel unterscheiden – dennoch müssten die Kosten der anhaltenden Teilung, einschließlich des Risikos eines bewaffneten Konflikts, gegen die enormen wirtschaftlichen und sozialen Lasten einer Wiedervereinigung abgewogen werden.
Wiedervereinigung braucht Machbarkeit, keine Emotionen
Kim betonte, dass die Wiedervereinigung mit Nordkorea ein langfristiges Ziel Südkoreas bleibe, warnte jedoch vor abrupten politischen Veränderungen oder unrealistischen, von Emotionen getriebenen Erwartungen.
„Es ist eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Letztendlich wollen wir die Wiedervereinigung, denn es gibt eindeutige Synergien. Nordkorea besitzt erhebliche geografische Vorteile, die es zu einem Logistikzentrum zwischen China, Russland und sogar Europa machen könnten."— Kim Hyo-joon, ADeKo-Vorsitzender
Kim, dessen Eltern während des Koreakrieges (1950–53) aus Pjöngjang geflohen sind, räumte ein, dass emotionale und historische Faktoren die öffentliche Meinung zur Wiedervereinigung unweigerlich prägen – insbesondere bei der älteren Generation. Er betonte jedoch, dass politische Entscheidungen letztlich auf wirtschaftlicher Tragfähigkeit und institutioneller Kapazität beruhen müssten.
„Als Unternehmer müssen wir immer die substanzielle Seite betrachten. Man kann die Kosten nicht ignorieren – aber man muss auch die potenziellen Synergien berücksichtigen."— Kim Hyo-joon, ADeKo-Vorsitzender
Deutsche Erfahrung: „Wir waren nicht vorbereitet"
Botschafter Schmidt räumte ein, dass Deutschland selbst 1990 kaum auf die plötzlich eingetretene Wiedervereinigung vorbereitet war, was zu lang anhaltenden wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Unterschieden zwischen Ost und West geführt habe.
„Wir waren nicht gut auf die Wiedervereinigung vorbereitet, aber die Dinge gingen sehr schnell. Einige Leute in Westdeutschland sagten: ‚Lass uns langsam vorgehen, erst eine Konföderation versuchen.' Im Nachhinein hatten sie recht."— Georg Schmidt, Deutscher Botschafter in Südkorea
Viele Ostdeutsche hätten erwartet, sofort Zugang zu Westdeutschlands Wohlstand und sozialen Standards zu erhalten, dabei aber das Ausmaß der Anpassung, die eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft erfordert, unterschätzt. Ganze Industrien brachen zusammen, die Arbeitslosigkeit stieg stark an, und Gemeinschaften kämpften darum, sich an ungewohnte wirtschaftliche Anforderungen anzupassen.
„Die Produktivitätsniveaus waren sehr unterschiedlich. Unsere sozialen Systeme waren so verschieden. Die Ostdeutschen wollten alles schnell, waren aber nicht bereit, den dafür notwendigen Preis zu zahlen."— Georg Schmidt, Deutscher Botschafter in Südkorea
Trotz massiver Finanztransfers vom Westen in den Osten über mehr als drei Jahrzehnte bestünden weiterhin Unterschiede bei Einkommensniveaus, Infrastrukturqualität und politischen Einstellungen. Dies zeige, dass Wiedervereinigung kein einmaliges politisches Ereignis, sondern ein generationenübergreifender Prozess sei.
„Die Teilung auf der koreanischen Halbinsel ist weit tiefer"
Schmidt betonte, Koreas Situation sei noch komplexer – aufgrund der tieferen ideologischen Spaltung, jahrzehntelanger nahezu vollständiger Isolation und des ungelösten Erbes des Koreakrieges.
„In Deutschland haben wir keinen Bürgerkrieg erlebt. Trotz aller Schwierigkeiten, denen wir begegnet sind, sind die Trennlinien auf der koreanischen Halbinsel weit tiefer."— Georg Schmidt, Deutscher Botschafter in Südkorea
Im Gegensatz zu Ostdeutschland, das gewisse wirtschaftliche Verbindungen und menschliche Kontakte zum Westen aufrechterhalten habe, sei Nordkorea nahezu vollständig abgeschottet geblieben. Dies erzeuge Lücken bei Fähigkeiten, Informationen und institutioneller Kapazität, die weit schwieriger zu überbrücken seien.
Dennoch argumentierte Schmidt, dass die Wiedervereinigung – oder zumindest die Beseitigung der militärischen Konfrontation – einen Wert besitze, der nicht allein in wirtschaftlichen Größen gemessen werden könne.
„Wie quantifiziert man die Gefahr eines Krieges? Wenn das Risiko eines nuklearen Konflikts auf der koreanischen Halbinsel verschwindet, wäre das allein schon enorm viel wert."— Georg Schmidt, Deutscher Botschafter in Südkorea
Soziales Vertrauen und Mobilität als zentrale Herausforderungen
Beide Gesprächsteilnehmer betonten, dass Deutschlands Erfahrung zeige: Langfristige wirtschaftliche Resilienz hänge nicht nur von Wachstum ab, sondern auch von sozialem Vertrauen, inklusiven Institutionen und Anpassungsfähigkeit.
Kim warnte, dass Südkoreas rasanter wirtschaftlicher Aufstieg strukturelle Probleme verdeckt habe, die nun die langfristige Nachhaltigkeit gefährdeten.
„Korea hat außerordentlichen Erfolg erzielt. Aber die Faktoren, die diesen Erfolg angetrieben haben, können nicht mehr wiederholt werden."— Kim Hyo-joon, ADeKo-Vorsitzender
Er verwies auf wachsende Ungleichheiten zwischen Großkonzernen und kleinen Unternehmen, zwischen der Hauptstadt Seoul und den Provinzen sowie zwischen regulär und irregulär Beschäftigten. Dringlich sei es, soziale Mobilität wiederherzustellen und soziales Vertrauen neu aufzubauen. Die wachsende Unruhe junger Menschen in Bezug auf Bildung, Beschäftigung und Familienleben signalisiere eine tiefere systemische Belastung.
„Wenn die jüngere Generation keine Träume mehr hat und kein klares Bild von der Zukunft, ist das ein sehr starkes Warnsignal für jede Gesellschaft."— Kim Hyo-joon, ADeKo-Vorsitzender
Auf der Grundlage seiner drei Jahrzehnte in deutschen Unternehmen stellte Kim der koreanischen Tendenz, bei Problemen zunächst nach dem Verantwortlichen zu suchen, den deutschen Ansatz gegenüber, bei dem zuerst das System und die Prozesse hinterfragt werden.
„In Deutschland lautet die erste Frage bei einem Fehler nicht ‚Wer hat versagt?', sondern ‚Was im System hat versagt?' Dieser Unterschied ist bedeutsam."— Kim Hyo-joon, ADeKo-Vorsitzender
Deutschlands Wandel und Koreas „Can-do-Geist"
Botschafter Schmidt verwies auf Deutschlands eigene Unsicherheiten: Langfristig als selbstverständlich geltende wirtschaftliche und sicherheitspolitische Annahmen hätten sich in den vergangenen Jahren aufgelöst. Deutschland könne sich nicht mehr auf billiges russisches Gas, uneingeschränkten Zugang zum chinesischen Markt oder auf die selbstverständliche Sicherheitsgarantie der USA verlassen.
„Wir sind Handelsnationen und sitzen nicht auf großen Öl- oder Gasreserven. Und jetzt ändert sich das alles sehr stark."— Georg Schmidt, Deutscher Botschafter in Südkorea
Als drei Kräfte, die die deutsche Gesellschaft neu formen, nannte Schmidt den demografischen Rückgang, den Aufstieg der Künstlichen Intelligenz (KI) und die Energiewende – Herausforderungen, die Korea gut kenne. Dennoch lobte er Koreas „Can-do-Geist" und stellte ihn dem vorsichtigeren, prozessorientierten deutschen Ansatz gegenüber.
Das Mittelstandsmodell und das duale Berufsausbildungssystem
Kim hob das deutsche duale Berufsausbildungssystem und das Netzwerk hochspezialisierter kleiner und mittlerer Unternehmen – den sogenannten Mittelstand – als Bereiche hervor, aus denen Korea Inspiration schöpfen, die es aber nicht eins zu eins übernehmen solle.
Das deutsche Berufsbildungssystem biete glaubwürdige Karrierewege jenseits der Hochschulbildung und vermindere so den gesellschaftlichen Druck auf junge Menschen. Der Mittelstand zeige, wie kleinere Unternehmen durch Spezialisierung und langfristige Investitionen globale Nischenmärkte dominieren können.
Während seiner Amtszeit bei BMW habe Kim Hunderte koreanische Zulieferer an den deutschen Automobilhersteller vermittelt und damit belegt, dass koreanische Kleinunternehmen global wettbewerbsfähig sein können, wenn ihnen Zugang und Unterstützung geboten werden.
„Korea verfügt bereits über die notwendigen Fähigkeiten und Kompetenzen. Die Frage ist, ob die bestehenden Systeme es erlauben, dieses Potenzial zu entfalten."— Kim Hyo-joon, ADeKo-Vorsitzender
Botschafter Schmidt ergänzte, dass das deutsche Modell der Mitbestimmung – bei dem Arbeitnehmervertreter eine formelle Rolle in der Unternehmensführung einnehmen – zur langfristigen Stabilität beitrage, indem es ein gemeinsames Verantwortungsgefühl für die Zukunft des Unternehmens fördere.
„Im Leben geht es oft nicht darum, dass einer gewinnt und der andere verliert – 100 oder null –, sondern um Kompromisse. Möchten Sie ein Team, in dem alle gleich sind, oder ein Team mit unterschiedlichen Perspektiven? Belohnen wir nur Wettbewerb, oder belohnen wir auch Teamarbeit?"— Georg Schmidt, Deutscher Botschafter in Südkorea
Gleichzeitig warnten beide Teilnehmer vor unkritischer Nachahmung.
„Man kann ein System nicht einfach importieren. Man muss es verinnerlichen."— Georg Schmidt, Deutscher Botschafter in Südkorea
„Es ist nicht nur eine Frage der Systeme. Es ist eine Frage des Geistes und der Philosophie – und letztlich der Reife einer Gesellschaft."— Kim Hyo-joon, ADeKo-Vorsitzender
Kooperation der mittleren Mächte
Das Gespräch berührte auch die Kooperation sogenannter mittlerer Mächte – darunter Südkorea, Deutschland, Japan und Kanada – insbesondere bei der Gestaltung globaler Normen im Bereich Handelsregulierung, Lieferkettenresilienz und aufkommender Technologien wie KI.
Schmidt betonte, mittlere Mächte hätten ein starkes Interesse an vorhersehbaren, regelbasierten Systemen und sollten gemeinsame Antworten auf wirtschaftlichen Zwang durch größere Staaten koordinieren.
„Wir haben uns früher darauf verlassen, dass Amerika Frieden und Sicherheit bereitstellt. Jetzt gibt es Fragezeichen, und wir werden aufgefordert, mehr zu tun. Es herrscht enorme Unsicherheit im internationalen Umfeld."— Georg Schmidt, Deutscher Botschafter in Südkorea
Kim stimmte zu, wies aber darauf hin, dass geopolitische Realitäten – angesichts der konkurrierenden Bindungen an Großmächte wie die USA und China – die Koordination erschwerten.
Angesichts des demografischen Rückgangs, technologischer Umbrüche und einer zunehmend unsicheren geopolitischen Lage biete die deutsche Erfahrung weder eine Blaupause noch allein eine Warnung, so beide Gesprächsteilnehmer – sondern eine Erinnerung daran, dass langfristige Herausforderungen Geduld, Kompromissbereitschaft und den Willen erfordern, Kosten zu tragen, bevor die Vorteile sichtbar werden.
▶ Originalartikel lesen (The Korea Times, Englisch)
Originalquelle: The Korea Times — Autorin: Kim Hyun-bin, veröffentlicht am 5. März 2026
Dieser Beitrag wurde für ADeKo-Mitglieder und Interessierte aus dem Englischen übersetzt und redaktionell bearbeitet.
Der Preis der Wiedervereinigung: Lehren aus Deutschland für ein geteiltes Korea
Soziales Vertrauen bleibt das unverzichtbare Fundament langfristiger nationaler Resilienz
Deutschlands Erfahrungen mit der Wiedervereinigung bieten der koreanischen Halbinsel ernüchternde, aber wertvolle Lektionen. Bei einem Roundtable der Korea Times in Seoul betonten die Teilnehmer am 5. März 2026, dass sorgfältige Vorbereitung, anhaltende Dialogbereitschaft und die Bereitschaft, langfristige Kosten zu tragen, unerlässlich sind.
Georg Schmidt, der deutsche Botschafter in Südkorea, und Kim Hyo-joon, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der BMW Group Korea und aktueller ADeKo-Vorsitzender, wiesen darauf hin, dass sich die politischen Umstände der deutschen Wiedervereinigung von 1990 zwar deutlich von der heutigen Lage auf der koreanischen Halbinsel unterscheiden – dennoch müssten die Kosten der anhaltenden Teilung, einschließlich des Risikos eines bewaffneten Konflikts, gegen die enormen wirtschaftlichen und sozialen Lasten einer Wiedervereinigung abgewogen werden.
Wiedervereinigung braucht Machbarkeit, keine Emotionen
Kim betonte, dass die Wiedervereinigung mit Nordkorea ein langfristiges Ziel Südkoreas bleibe, warnte jedoch vor abrupten politischen Veränderungen oder unrealistischen, von Emotionen getriebenen Erwartungen.
Kim, dessen Eltern während des Koreakrieges (1950–53) aus Pjöngjang geflohen sind, räumte ein, dass emotionale und historische Faktoren die öffentliche Meinung zur Wiedervereinigung unweigerlich prägen – insbesondere bei der älteren Generation. Er betonte jedoch, dass politische Entscheidungen letztlich auf wirtschaftlicher Tragfähigkeit und institutioneller Kapazität beruhen müssten.
Deutsche Erfahrung: „Wir waren nicht vorbereitet"
Botschafter Schmidt räumte ein, dass Deutschland selbst 1990 kaum auf die plötzlich eingetretene Wiedervereinigung vorbereitet war, was zu lang anhaltenden wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Unterschieden zwischen Ost und West geführt habe.
Viele Ostdeutsche hätten erwartet, sofort Zugang zu Westdeutschlands Wohlstand und sozialen Standards zu erhalten, dabei aber das Ausmaß der Anpassung, die eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft erfordert, unterschätzt. Ganze Industrien brachen zusammen, die Arbeitslosigkeit stieg stark an, und Gemeinschaften kämpften darum, sich an ungewohnte wirtschaftliche Anforderungen anzupassen.
Trotz massiver Finanztransfers vom Westen in den Osten über mehr als drei Jahrzehnte bestünden weiterhin Unterschiede bei Einkommensniveaus, Infrastrukturqualität und politischen Einstellungen. Dies zeige, dass Wiedervereinigung kein einmaliges politisches Ereignis, sondern ein generationenübergreifender Prozess sei.
„Die Teilung auf der koreanischen Halbinsel ist weit tiefer"
Schmidt betonte, Koreas Situation sei noch komplexer – aufgrund der tieferen ideologischen Spaltung, jahrzehntelanger nahezu vollständiger Isolation und des ungelösten Erbes des Koreakrieges.
Im Gegensatz zu Ostdeutschland, das gewisse wirtschaftliche Verbindungen und menschliche Kontakte zum Westen aufrechterhalten habe, sei Nordkorea nahezu vollständig abgeschottet geblieben. Dies erzeuge Lücken bei Fähigkeiten, Informationen und institutioneller Kapazität, die weit schwieriger zu überbrücken seien.
Dennoch argumentierte Schmidt, dass die Wiedervereinigung – oder zumindest die Beseitigung der militärischen Konfrontation – einen Wert besitze, der nicht allein in wirtschaftlichen Größen gemessen werden könne.
Soziales Vertrauen und Mobilität als zentrale Herausforderungen
Beide Gesprächsteilnehmer betonten, dass Deutschlands Erfahrung zeige: Langfristige wirtschaftliche Resilienz hänge nicht nur von Wachstum ab, sondern auch von sozialem Vertrauen, inklusiven Institutionen und Anpassungsfähigkeit.
Kim warnte, dass Südkoreas rasanter wirtschaftlicher Aufstieg strukturelle Probleme verdeckt habe, die nun die langfristige Nachhaltigkeit gefährdeten.
Er verwies auf wachsende Ungleichheiten zwischen Großkonzernen und kleinen Unternehmen, zwischen der Hauptstadt Seoul und den Provinzen sowie zwischen regulär und irregulär Beschäftigten. Dringlich sei es, soziale Mobilität wiederherzustellen und soziales Vertrauen neu aufzubauen. Die wachsende Unruhe junger Menschen in Bezug auf Bildung, Beschäftigung und Familienleben signalisiere eine tiefere systemische Belastung.
Auf der Grundlage seiner drei Jahrzehnte in deutschen Unternehmen stellte Kim der koreanischen Tendenz, bei Problemen zunächst nach dem Verantwortlichen zu suchen, den deutschen Ansatz gegenüber, bei dem zuerst das System und die Prozesse hinterfragt werden.
Deutschlands Wandel und Koreas „Can-do-Geist"
Botschafter Schmidt verwies auf Deutschlands eigene Unsicherheiten: Langfristig als selbstverständlich geltende wirtschaftliche und sicherheitspolitische Annahmen hätten sich in den vergangenen Jahren aufgelöst. Deutschland könne sich nicht mehr auf billiges russisches Gas, uneingeschränkten Zugang zum chinesischen Markt oder auf die selbstverständliche Sicherheitsgarantie der USA verlassen.
Als drei Kräfte, die die deutsche Gesellschaft neu formen, nannte Schmidt den demografischen Rückgang, den Aufstieg der Künstlichen Intelligenz (KI) und die Energiewende – Herausforderungen, die Korea gut kenne. Dennoch lobte er Koreas „Can-do-Geist" und stellte ihn dem vorsichtigeren, prozessorientierten deutschen Ansatz gegenüber.
Das Mittelstandsmodell und das duale Berufsausbildungssystem
Kim hob das deutsche duale Berufsausbildungssystem und das Netzwerk hochspezialisierter kleiner und mittlerer Unternehmen – den sogenannten Mittelstand – als Bereiche hervor, aus denen Korea Inspiration schöpfen, die es aber nicht eins zu eins übernehmen solle.
Das deutsche Berufsbildungssystem biete glaubwürdige Karrierewege jenseits der Hochschulbildung und vermindere so den gesellschaftlichen Druck auf junge Menschen. Der Mittelstand zeige, wie kleinere Unternehmen durch Spezialisierung und langfristige Investitionen globale Nischenmärkte dominieren können.
Während seiner Amtszeit bei BMW habe Kim Hunderte koreanische Zulieferer an den deutschen Automobilhersteller vermittelt und damit belegt, dass koreanische Kleinunternehmen global wettbewerbsfähig sein können, wenn ihnen Zugang und Unterstützung geboten werden.
Botschafter Schmidt ergänzte, dass das deutsche Modell der Mitbestimmung – bei dem Arbeitnehmervertreter eine formelle Rolle in der Unternehmensführung einnehmen – zur langfristigen Stabilität beitrage, indem es ein gemeinsames Verantwortungsgefühl für die Zukunft des Unternehmens fördere.
Gleichzeitig warnten beide Teilnehmer vor unkritischer Nachahmung.
Kooperation der mittleren Mächte
Das Gespräch berührte auch die Kooperation sogenannter mittlerer Mächte – darunter Südkorea, Deutschland, Japan und Kanada – insbesondere bei der Gestaltung globaler Normen im Bereich Handelsregulierung, Lieferkettenresilienz und aufkommender Technologien wie KI.
Schmidt betonte, mittlere Mächte hätten ein starkes Interesse an vorhersehbaren, regelbasierten Systemen und sollten gemeinsame Antworten auf wirtschaftlichen Zwang durch größere Staaten koordinieren.
Kim stimmte zu, wies aber darauf hin, dass geopolitische Realitäten – angesichts der konkurrierenden Bindungen an Großmächte wie die USA und China – die Koordination erschwerten.
Angesichts des demografischen Rückgangs, technologischer Umbrüche und einer zunehmend unsicheren geopolitischen Lage biete die deutsche Erfahrung weder eine Blaupause noch allein eine Warnung, so beide Gesprächsteilnehmer – sondern eine Erinnerung daran, dass langfristige Herausforderungen Geduld, Kompromissbereitschaft und den Willen erfordern, Kosten zu tragen, bevor die Vorteile sichtbar werden.
▶ Originalartikel lesen (The Korea Times, Englisch)
Originalquelle: The Korea Times — Autorin: Kim Hyun-bin, veröffentlicht am 5. März 2026
Dieser Beitrag wurde für ADeKo-Mitglieder und Interessierte aus dem Englischen übersetzt und redaktionell bearbeitet.